Stefanie Friedl - Leseprobe


Heute mit dem vorletzten Beitrag zu meinem gemeinsamen Monat mit Stefanie Friedl.
Diesmal haben wir für Euch einen Einblick in das Buch - nämlich mit den ersten Beiden Kapiteln.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen...
Copyright: Stefanie Friedl

Kapitel 1 

Schmerzen, unendliche Schmerzen. Ihr Körper fühlte sich an, als ob ein Feuer darin wüten würde. Und sie war so wahnsinnig erschöpft und müde, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Warum nur? Miranda versuchte, sich zu erinnern. Das Dröhnen und Hämmern in ihrem Kopf war dabei nicht gerade hilfreich. Ihre Arme waren derart schwer, als hätte sie zu Hause alle Fenster geputzt, und das waren einige. Ihre Mutter liebte helle, lichtdurchflutete Räume. Schwerfällig hob sie den Kopf und richtete den Blick auf ihre Arme. Nur langsam registrierte Miranda, was sie da sah. Ihre Gedanken setzten aus. Panik erfüllte sie und ließ ihr Herz wild rasen. Es drohte, ihr aus der Brust zu springen. Ihr war heiß und kalt zugleich. Ihr Atem ging stoßweise. Die Angst kroch in alle Ritzen ihres Verstandes und blockierte ihr Denken. Völlig kopflos rüttelte sie an den Fesseln, zerrte daran, doch sie wollten sich nicht lösen und schnitten tief in ihre Haut. Immer stärker riss sie an den Fesseln, aber sie konnte sich nicht befreien. Ein plötzlicher, stechender Schmerz an ihrem Rücken ließ sie innehalten. Sie keuchte. Schweiß bedeckte ihren Körper. Noch immer spürte sie ihr Herz kräftig hämmern. Die Schnitte an ihren Handgelenken brannten wie glühende Kohlen. Ihr Rücken fühlte sich wund gescheuert an. Sie bemühte sich, tief durchzuatmen und sich etwas zu beruhigen, richtig funktionieren wollte es aber nicht. Die Angst, die in ihr wütete, ließ keinen klaren Gedanken zu. Intuitiv versuchte sie, sich zu verwandeln. In ihrer Luchsform war sie um einiges wendiger und viel stärker. Doch es gelang ihr nicht. Sie konnte ihre Luchsin nicht einmal spüren, geschweige denn sich verwandeln. Voller Verzweiflung rüttelte sie wieder an den Fesseln. Die Schnitte an ihren Handgelenken wurden immer tiefer, ließen schon die Knochen hervorblitzen. Das Blut lief ihr an den Armen hinab. In ihrem Kopf fing alles an, sich zu drehen. Ihr war schwindlig und übel. Tränen füllten ihre Augen und trübten ihren Blick. Was haben sie mit mir gemacht? Mir meine Luchsin genommen und mich dann allein hier angebunden, um mich elend verrecken zu lassen? Hoffnungslosigkeit stieg in ihr hoch. Ihre Lage war aussichtslos. In diesem Moment tauchte das Gesicht ihrer Mutter Pamela vor ihrem inneren Auge auf. Ihre Mutter war eine wundervolle, warmherzige Frau, die ihre dunkelroten Haare und die leuchtend blauen Augen an ihre älteste Tochter vererbt hatte. Nur die karamellfarbene Haut hatte Miranda von ihrem Vater. Als sie damals als Fünfjährige beinahe jede Nacht schreiend aus diesen fürchterlichen Alpträumen aufgewacht war, kam ihre Mutter immer zu ihr ins Bett gekrabbelt, hielt sie fest und sang ihr Lieblingslied für sie. Nach wenigen Minuten konnte sie sich beruhigen und dann wieder friedlich und ruhig einschlafen. Miranda schloss die Augen und stellte sich ihre Mutter vor, wie sie sie fest im Arm hielt und für sie sang. Immerhin konnte sie sich dadurch ein wenig fassen, aber es ergriff eine tiefe Traurigkeit, deren Ursprung sie nicht kannte, ihr Herz und wieder liefen ihr die Tränen die Wangen hinunter. So viel hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht geweint, Miranda hatte gelernt, die Starke zu sein. Erst jetzt, da ihre Unruhe und Anspannung etwas nachgelassen hatten, spürte sie die klirrende Kälte, die tief in ihr Inneres drang und ihre Muskeln zittern ließ. Dieser Winter würde als einer der kältesten in die Geschichte eingehen. Zwar hielt sie als Gestaltwandlerin tiefe Temperaturen ganz gut aus, aber diese Situation hatte ihr bereits so viel abverlangt, dass sie ihre Kräfte schon schwinden spürte und ihre Lider zufielen. Völlig erschöpft versank sie in Dunkelheit. Als sie die Augen öffnete, sah sie sich neben ihrem Vater stehen. Aber das musste ein Traum sein. Sie sah sich als Außenstehende, beobachtete eine Szene, die sich vor Jahren abgespielt hatte. Im Traum war sie noch ein Kind, vielleicht zehn Jahre alt, mit nur schulterlangen, ziemlich ausgefransten Haaren. Ihr Vater hatte sie ihr nur Stunden zuvor in einem Anflug von Wut abgeschnitten. Sie hatte so schöne Haare gehabt, die ihr fast bis zum Po gereicht hatten, liebevoll von ihrer Mutter zu einem langen Zopf geflochten. Aber für ihren Vater waren sie zu lang gewesen, sie könne damit nicht trainieren, hatte er gesagt. Er trat hinter ihr Traum-Ich. „Miranda, ich nehme dir gleich die Augenbinde ab. Du hast fünf Sekunden Zeit, dir die Umgebung einzuprägen. Bist du bereit?“ Das Mädchen nickte. Er nahm die Augenbinde ab, ließ Miranda genau fünf Sekunden Zeit, sich umzusehen, dann band er ihr die Augen wieder zu. „Woran kannst du dich erinnern?“ „Da war ein Baum und -“ „Welcher Baum?“ „Ich glaube, es war eine Eiche.“ „Miranda!“ Lange und gedehnt, mit tiefer und rauer Stimme sprach er ihren Namen aus. Seine Augen leuchteten gefährlich. Das Mädchen konnte das natürlich nicht sehen, aber es wusste auch so, dass sein Vater verschwunden und an seine Stelle das Alphatier, das er nun einmal war, getreten war. „Konzentriere dich!“ Ein paar Sekunden sagte sie nichts. Miranda sah, wie sehr sich ihr Traum-Ich anstrengte, seinem Vater die Umgebung genau zu beschreiben. „Ja, es war eine Eiche, sie war sehr groß, ich schätze zehn Meter.“ „Was hast du noch gesehen? Ist dir etwas aufgefallen?“ Die Stimme ihres Vaters war wieder normal, er war zurück, aber das Alphatier würde zurückkommen, wenn sie etwas falsch machte, so war es immer. „Ja, ganz oben, auf der linken Seite, hast du ein Fähnchen versteckt, es ist weiß.“ „Sonst noch etwas?“ „Nein.“ Miranda nahm die Augenbinde ab. Erwartungsvoll sah sie ihren Vater an, der sich aber abwandte und ging. Keine einzige Träne verließ ihre Augen. Sie schwor sich, härter zu trainieren, um es das nächste Mal besser zu machen. Die Szene verschwamm vor ihren Augen. Dann tauchten Bilder in ihrem Kopf auf, schreckliche Bilder von Blut und Tod. Und Schreie. Markerschütternde Schreie hallten in ihren Gedanken wider. Entsetzt riss sie die Augen auf und blickte sich panisch um. Die Angst bohrte sich tief in ihr Herz. Doch niemand war hier, zum Glück. Sie hatte alles nur geträumt. Aber waren das wirklich Träume oder handelte es sich um die Realität? Erlebnisse, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte? Es hatte sich so echt angefühlt, als wären es ihre eigenen Erinnerungen. Sie zermarterte sich den Kopf, versuchte die Bildfetzen einzuordnen, aber es machte alles keinen Sinn, es passte nicht. Wenn sie sich doch bloß daran erinnern könnte. Es würde ihr helfen, ihre derzeitige Situation besser zu verstehen und vielleicht einen Ausweg zu finden. Doch je stärker sie versuchte, sich zu entsinnen, desto weniger wollte es ihr einfallen. Allerdings blieb das Gefühl, dass ihr Leben, so wie sie es kannte, nicht mehr existierte. Dann kam ihr der Traum in den Sinn, der Traum von Christopher, ihrem Vater. Als Alphatier verlangte er keinen blinden Gehorsam von seinem Rudel. Vielmehr legte er Wert darauf, dass jeder seine eigene Meinung hatte und diese auch vertrat, solange die Interessen des Rudels gewahrt blieben. Dennoch holten sie sich alle seinen Rat und seine Einschätzung zu schwierigen Situationen. Sie waren ihm treu ergeben. Er war eben der Stratege im Rudel. Auf seine Leute wirkte ihr Vater immer kühl und distanziert, ganz anders als bei seiner Familie, obwohl er häufig in seine Rolle als Alpha fiel. Ein Kuss ihrer Mutter brachte dann ihren Vater wieder zurück und verscheuchte den Rudelanführer. Vor allem bei Miranda war er ein strenger Lehrer gewesen. Sie war anders als ihre Schwester eine Kriegerin, wenn auch etwas ungestüm und impulsiv. Das stundenlange Training mit ihrem Vater war trotz ihrer unglaublichen Stärke und Schnelligkeit in Luchsform anstrengend und sehr hart gewesen, vor allem seelisch. Christopher hatte versucht, ihr alles beizubringen, was er wusste und konnte. In den Einheiten war er ihr immer mehr als Alphatier vorgekommen als ihr Vater. Jedoch konnte ihr das alles jetzt zu Gute kommen. Eine der wichtigsten Lektionen ihres Vaters war nämlich, sich die unmittelbare Umgebung ganz genau einzuprägen und dieses Wissen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Die Gedanken bei ihrem Vater öffnete Miranda ihre Augen und sah sich aufmerksam um. Nachdem sie sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatte, merkte sie, dass sie sich in einem kleinen, kahlen Raum befand, von dessen Wänden schmutzige Farbe und Putz bröckelten, teilweise blitzten zerfallene Ziegel dahinter hervor. Der Boden war aus wild zusammengewürfelten Steinen gemacht worden, die alle nicht so recht zusammenpassten. Fenster gab es zwar, drei alte Holzfenster auf der vorderen Seite – hinter sich konnte sie ja nicht sehen -, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hatten, doch sie waren alle mit Brettern zugenagelt. Es musste schon spät sein. Kein Licht drang von draußen herein. Über ihrem Kopf hing eine Glühbirne, die in dumpfem Licht leuchtete. Es gab nur eine Tür, die aber als einziges hier drinnen neu und ziemlich massiv wirkte, und die befand sich ihr gegenüber. Zahlreiche dicke Spinnweben hingen von der Decke. Dieser Raum musste schon sehr lange hier stehen. Miranda hielt die Luft an, um zu lauschen, doch hören konnte sie bis auf den kräftig wehenden Wind, nichts, das ihr Aufschluss über ihren Aufenthaltsort gab. Vermutlich befand sich der Raum irgendwo abgelegen, wo es überhaupt nichts brachte, um Hilfe zu rufen, weil niemand sie hören konnte. Einen ihrer wichtigsten und stärksten Sinne hätte sie beinahe vergessen einzusetzen: ihren Geruchssinn. Selbst in ihrer menschlichen Gestalt roch sie beinahe so gut wie ein Tier. Jeder Gestaltwandler verfügte über diese Fähigkeit, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger ausgeprägt, je nachdem wie hoch der Gestaltwandlerblutanteil desjenigen war. Miranda sog die Luft tief ein. Ihr wurde schlecht. Es stank erbärmlich nach Verwestem. Vermutlich lag irgendwo eine tote Ratte, die bereits verfaulte. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, die Übelkeit zu verdrängen. Nach einigen Minuten war es ihr gelungen. Zwar blieb ein flaues Gefühl in ihrem Magen, aber es gelang ihr, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Das Wichtigste war, herauszufinden, woran und wie sie gefesselt war. Mirandas Blick wanderte zu ihren Händen. Dank ihrer außerordentlichen Selbstheilungskräfte als Gestaltwandlerin waren die Wunden bereits verheilt. Ihr Körper war jedoch aus bislang unbekannten Gründen fähig, sich noch schneller zu regenerieren als die ihrer Gefährten. Sogar verletzte Blutgefäße waren binnen weniger Minuten verschlossen. Deshalb war Vorsicht auch eher ein Fremdwort für sie. Ihr Leben lang hatte Miranda sich noch nie Sorgen um ihre Gesundheit machen müssen. Ihrem Körper war es immer gelungen, sich eigenständig zu heilen. Selbst für ihre schlimmeren Wunden hatte sie nie einen Schamanen gebraucht, der sie mit Hilfe von Kräuter und seinen eigenen geistigen Kräften kurieren konnte, wenn der Körper alleine dazu nicht mehr in der Lage war. Es erinnerten nur noch rosige Narben an die Schnitte an ihren Handgelenken. Für einen Menschen wäre ihre Situation wahrscheinlich lebensgefährlich gewesen. Sie waren im Vergleich zu Gestaltwandlern zerbrechlich und ihnen an körperlicher Stärke weit unterlegen. Allein die Kälte hätte ihr sicheres Todesurteil bedeutet. Jedoch durfte man die Menschen auch nicht unterschätzen, die mit ihrer Waffenstärke und ihrem Erfindungsreichtum ihre physischen Defizite wieder wettmachten. Vorsichtig versuchte sie, ihre Hände aus den Drahtfesseln zu lösen. Stechende Schmerzen ließen sie zusammenzucken. Die Schnitte waren wieder aufgerissen, allerdings nicht mehr so schlimm wie zuvor. Innerhalb einer Minute würden die Wunden wieder verheilt sein, wenn sie die Hände still hielt. So kam sie jedenfalls nicht frei. Ein Brennen an ihren Knöcheln sagte ihr, dass auch ihre Beine gefesselt waren. Das machte die Sache nicht gerade einfacher. Erst jetzt realisierte sie es. Sie war an ein Kreuz gefesselt, nackt. Für Gestaltwandler war Nacktheit etwas Natürliches und völlig Normales, denn bei der Verwandlung zerrissen die Kleider, wenn man diese nicht vorher auszog. Aber das hier war pervers.

Kapitel 2

Stimmen ließen Miranda aufschrecken. Jemand näherte sich dem Raum. Sie versuchte zu verstehen, was gesprochen wurde, doch es war zu undeutlich und zu leise. Sekunden später betrat ein Mann das Zimmer. Dicke Schneeflocken wirbelten herein. Die frische, eiskalte Luft, die durch die Tür hereinkam, machte den Gestank zwar erträglicher und erfüllte den Raum mit wunderbar reinem Schneeduft vermischt mit einem Hauch von harzigem Tannenaroma, ließ sie jedoch erschaudern. Es fühlte sich an, als würde sie gleich erfrieren. Hunderte Nadelstiche eisiger Kälte bohrten sich in ihre Haut. Ihr Kopf schmerzte, als ob er gespalten würde. Sie kniff die Augen zu, Tränen sammelten sich unter ihren Lidern. Einen Moment später fiel die Tür leise ins Schloss und sperrte sie mit dem Typ in diesem verfluchten Raum ein. Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, alle Muskeln waren schmerzhaft verkrampft. Nach ein paar Momenten war es vorbei. Miranda öffnete ihre Augen und stellte sich dem Mann, der zu ihr in den Raum gekommen war. Er war definitiv ein Gestaltwandler, vermutlich eine Raubkatze wie sie. Der geschmeidige, grazile Gang und seine Statur verrieten ihn. Ähnlich wie ihre Tiere waren Katzenwandler schlank und eher zierlich gebaut. Trotzdem konnte er einen relativ muskulösen Körper sein Eigen nennen. Zahlreiche Tätowierungen bedeckten seine Arme. Eine Narbe wie von Klauen zugefügt verlief quer über seine linke Wange. Wer ihm die wohl verpasst hatte? Die perfekt gestylten, kurzen, schwarzen Haare, die wegen der tauenden Schneeflocken im Licht glitzerten, betonten sein markantes Gesicht zusätzlich. Wären nicht die eiskalten blauen Augen gewesen, hätte sie ihn sexy gefunden und wäre vielleicht sogar mit ihm ausgegangen. Aber dieser grausame Blick trieb ihr Schauer über den Rücken. Auch sein Geruch bereitete Miranda Unbehagen. Sie nahm einen herben männlichen Duft wahr, der durchzogen war von etwas, das sie schaudern ließ. Sie konnte es nicht beschreiben, hatte noch nie etwas Derartiges gerochen. Es fühlte sich an wie das reine Böse. Seine Aura war eisig wie ein gefrorener See, der gesättigt war von Dunkelheit. Keine Spur von Wärme oder Freundlichkeit. Sein selbstgefälliges Grinsen verhieß nichts Gutes. „Na, wen haben wir denn da? Die hübsche Miranda! Fühlst du dich bei uns auch wohl? Vielleicht sollte ich mich erst mal bei dir vorstellen. Ich bin Nathan, Alpha des Dark Side-Rudels.“ Sie hasste den Typ jetzt schon. Und woher kannte er ihren Namen? „Du siehst ja nicht gerade glücklich aus. Und was hast du nur mit deinen Händen gemacht? Hast du etwa versucht, dich zu befreien? Schätzchen, mir ist noch nie jemand entkommen.“ Die Fesseln waren wirklich sehr gut angebracht, allerdings brachte Überheblichkeit auch Fehler. Sie musste ihn nur noch finden und beschloss, weiterhin zu schweigen. Ich werde die Erste sein, die dir entkommt und du wirst es bereuen, mich gefangen gehalten zu haben, dachte sie sich. „Hast du auch versucht, dich zu verwandeln, um freizukommen?“ Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort. „Weißt du, da gibt es dieses nette, kleine Implantat, das eine Verwandlung unmöglich macht. Haben die Menschen erfunden. Es sondert einen Wirkstoff ab, der dein Tier unterdrückt und in Ketten legt. Du kannst es nicht einmal spüren. Erst wenn der Wirkstoff allmählich vom Körper ausgeschieden wird, kannst du wieder zum Luchs werden. Wirklich eine praktische Erfindung.“ Verdammter Mistkerl! Aber zumindest wusste sie, dass ihr ihr Tier nicht genommen worden war. Es war nur versteckt und wartete darauf, hervorzubrechen und dem verdammten Arschloch das Grinsen von der Visage zu wischen. Ihr Vater hatte diese Implantate einmal erwähnt, das war aber schon länger her. Ein Bekannter von ihm hatte sich deswegen das Leben genommen. Er hatte es nicht ertragen, von seinem Tier abgeschnitten zu sein. Die Erfinder hatten es ihm einfach eingepflanzt, wollten wissen, ob es funktioniert, und er war daran verzweifelt. Warum die Menschen dieses grauenhafte Implantat entwickelt hatten, wusste sie nicht genau, aber es gab bei jeder Rasse, in jedem Volk, kaltblütige Personen, die das Leid anderer erfreute. Andererseits waren die Menschen den Gestaltwandlern unterlegen. Durch das Implantat waren sie auf ungefähr dem gleichen Level, was körperliche Stärke betraf. Die Instinkte der Tiere waren vorübergehend ausgeschaltet, ihre Kraft nicht nutzbar. „Wahrscheinlich fragst du dich, warum wir dich gefangen halten. Ein Freund von mir möchte dich. Er ist ganz verrückt nach dir. Aber davor werde ich noch ein wenig Spaß mit dir haben. Das hat er mir versprochen. Und ich habe einige tolle Sachen mit deinem sexy Körper geplant.“ Lüstern sah er an ihrer Figur hinab. Sein Blick blieb an ihren vollen Brüsten und zwischen ihren Beinen hängen. Obwohl sie fast jeder in ihrem Rudel schon nackt gesehen hatte – es ging nicht anders bei den Verwandlungen – fühlte sich Miranda zum ersten Mal wirklich nackt, bis auf die Seele entblößt. Sie konnte eine deutliche Wölbung in seiner Jeans sehen. Sie war in die Fänge eines Perversen geraten, war an dieses verdammte Kreuz gebunden und konnte sich nicht verwandeln. Ihre Lage war wirklich beschissen. Dennoch hielt sie seinem Blick weiterhin stand. Er sollte ihre Angst nicht sehen, die sie trotz aller mentalen Übungen mit ihrem Vater verspürte, wenn sie sich auch nicht vor dem Tod fürchtete, sondern vor einer Vergewaltigung durch dieses Arschloch, unfähig sich zu wehren, ihrer Würde und ihres Stolzes beraubt. „Schätzchen, ich hab noch ein ganz besonderes Geschenk für dich. Lucas, bring unseren Ehrengast.“ Herein kam ein grimmig dreinblickender, massiger, blonder Mann, von dem sie nie gedacht hätte, dass er eine Raubkatze war, wäre nicht sein Gang genauso anmutig wie Nathans oder ihrer. Er schleifte ein zierliches Mädchen mit einem Leinensack über dem Kopf und warf es vor Nathan auf den Boden. Gleich danach verschwand er wieder durch die Tür. Miranda erkannte das Mädchen in dem pinken, kuscheligen Wollkleid sofort. Oh mein Gott, das ist Andrea. Das darf nicht wahr sein! Bitte, lass es nur einen bösen Traum sein! Was wollten sie nur von ihrer süßen, kleinen Schwester, die keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte? Nathan ging zu Andrea und riss ihr den Sack vom Kopf. Panisch blickte sie sich um, bis ihre Augen Miranda fanden. „Was haben die mit uns vor? Warum halten sie uns gefangen? Wo sind Mom und Dad?“ Ihre Stimme überschlug sich fast. Andy war noch sehr jung, süße siebzehn Jahre. Ihre hellblonden Haare fingen das Licht der Glühbirne auf und wirkten dadurch fast weiß. Zusammen mit der alabasterfarbenen Haut und den großen, mintgrünen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, sah Andrea aus wie nicht von dieser Welt. Selbst für eine Luchswandlerin hatte sie eine überaus grazile, zarte Figur. Wie ihr Körper war auch ihr Geist sanft. Andy war dafür bekannt, jedem zu helfen, dem es schlecht ging. Deshalb genoss sie auch großes Vertrauen in ihrem Bekanntenkreis. Alle ihre Freunde kamen mit ihren Problemen zu ihr und ließen sich von ihr aufbauen. Miranda war egal, was sie mit ihr machten, solange sie nur ihre kleine Schwester in Ruhe ließen. Erstmals brach sie ihr Schweigen. „Lass sie gehen, bitte, lass sie frei. Du willst doch mich.“ Der Tätowierte trat ganz nah an sie heran. „Was würdest du dafür tun, damit ich sie laufen lasse?“ Das musste doch klar sein. „Alles.“ Nachdenklich ging er im Zimmer herum, doch Miranda hatte den Verdacht, dass das alles nur gespielt war. Deswegen war sie nicht sonderlich von seiner Antwort überrascht. „Nein.“ „Bitte, ich tu alles für euch, aber lass sie frei.“ Das erste Mal in ihrem Leben würde sie flehen und Nathan um das Leben und die Sicherheit ihrer Schwester anbetteln. „Mit euch beiden macht es doch viel mehr Spaß. Ihr seid die letzten eures kleinen Familienrudels. Wir sollten eure Gene weitergeben, damit sie nicht untergehen. Es wäre zu schade. Und deine Schwester ist so ein reizendes Ding, noch ganz unverbraucht, ganz anders als du. Ich kann es riechen.“ Tief durch die Nase atmend trat er geschmeidig an Andrea heran. Er war ein Raubtier auf der Jagd. Gierig griff er nach dem Stoff ihres Kleides und zerfetzte es. Seine Krallen schossen hervor und zerrissen ihren bunten Baumwoll-BH, sodass er nur noch lose herunterhing und ihre zarten Brüste entblößt wurden. Stumme Tränen liefen Andreas Wangen hinunter. Sie hatte noch nie einen festen Freund gehabt geschweige denn, sich einem Mann nackt gezeigt, und dann stand sie hier und wurde von diesem perversen Kerl gierig begafft. „NEIN! Lass sie in Ruhe! Wenn du sie anfasst, reiße ich dir das Herz heraus!“ Miranda schrie aus Leibeskräften, doch sie erntete nur schadenfrohes Gelächter. Nathan griff nach Andreas Brust. Und obwohl ihre Schwester keine Kämpferin war, biss sie diesem Arschloch so fest sie konnte in die Hand. "Schlampe!" Der Schlag riss Andy um. Mühsam rappelte sie sich auf. Mit aufgeplatzter Lippe, aber stolz, sah sie auf seine blutende Hand. „Das wirst du noch bereuen!“ Erneut schlug er ihre Schwester zu Boden. Mit einem bösartigen Grinsen kniete er sich zu Andrea. „Kleines, wenn du dich verwandelst, höre ich auf. Solltest du dich weigern, prügle ich dich bis du nicht mehr aufstehen kannst und um deinen Tod bettelst.“ Andrea keuchte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Gestaltwandler wechselten gern in ihre tierische Form, nicht jedoch Mirandas Schwester. Bereits als Babys hatten sie diese Fähigkeit, wenn die Wandlungen auch nur intuitiv und besonders an emotionale Situationen gebunden waren, speziell wenn die Kinder Freude, Wut, Trauer und Angst empfanden. In tierischer Form konnten sie mit den Gefühlen besser umgehen. Andrea war früher auch so gewesen. Sie und Miranda waren die meiste Zeit als Luchse durch die Gegend gestreift. Doch an der Feier zu ihrem fünften Geburtstag verletzte sie unabsichtlich eine Freundin beim Spielen. Sie musste die Narben des Mädchens, das seit dem Vorfall nichts mehr mit ihrer Schwester zu tun haben wollte, beinahe jeden Tag sehen. Das hatte Andy sehr belastet. Sie hatte sich zurückgezogen und den Kontakt zu anderen gemieden. Seitdem hasste sie das Wesen in sich, aus Angst, wieder jemanden zu verletzen. Nur auf Bitten und Überreden von Miranda hatte Andrea sich in den Jahren darauf verwandelt, und das bloß, um ihr Tier zu beruhigen, aber sie hatte es verabscheut. Wenn sie sich zu lange nicht gewandelt hatte, wurde sie fahrig und zunehmend nervös und aggressiv. Einmal war Andreas Luchsin gewaltsam hervorgebrochen, sie hatte sich zu lange geweigert, sie herauszulassen. Miranda würde nie vergessen, wie sich ihre Schwester vor Schmerzen am Boden gekrümmt und geschrien hatte. Denn nur, wenn die menschliche Seite mit der Wandlung einverstanden war und das Tier in sich akzeptierte, war die Gestalt zu ändern schmerzfrei und schöner als jeder Orgasmus. Aber Andrea wäre am liebsten nur ein ganz normaler Mensch und deshalb verliefen ihre Verwandlungen immer schmerzhaft. „I-ich kann nicht.“ Zitternd und nervös fing ihre Schwester an, an ihren Armen zu kratzen. „Warum kannst du nicht? Verwandelst du dich nicht gerne?“ Nathan musste von Andys Problem gewusst haben. Warum hätte er sie sonst aufgefordert, sich zu verwandeln, und woher hatte er seine Informationen? Es wusste nur das Rudel davon. „Komm schon, Kleines, ich will dein Tier sehen.“ Nathan ging auf sie zu. „Verwandle dich oder ich werde deiner Schwester etwas antun, und du siehst dabei zu.“ Er bedrängte Andrea immer mehr, ließ sie seine Dominanz spüren, klang wie ein Alphatier. Es machte ihm Spaß, daran hatte Miranda keinen Zweifel. Ihre Schwester rutschte zurück bis sie an eine Mauer stieß. Die Tür befand sich zu weit entfernt, um fliehen zu können. Andy und ihr Tier saßen in der Falle, sie kamen nicht gegen Nathan an, waren zu unterwürfig. Plötzlich waren ihre Augen von leuchtendem Grün. Die Katze kam hervor. „Andy, konzentriere dich. Wehr dich nicht dagegen! Nimm deine Luchsin an!“ Miranda versuchte noch, zu ihrer Schwester durchzudringen, doch diese krümmte sich bereits am Boden und schrie sich die Seele aus dem Leib. Krallen fuhren aus. Andrea versuchte vehement, die Verwandlung zu verhindern. Ihre Schmerzensschreie wurden noch lauter. Miranda fühlte sich so hilflos wie damals, als die Katze die Oberhand gewann und Andrea zur Verwandlung zwingen wollte. Auch zu jener Zeit hatte sie ihre Schwester nicht beschützen können. Sie hatte nur schockiert dagestanden und hatte nach ihrem Vater gerufen. Christopher hatte sie hinaus geschickt. Sie wusste nicht, was er mit ihrer Schwester gemacht hatte, doch nach zehn Minuten ging es ihr wieder relativ gut. Heute war ihr Vater nicht da und Andrea würde den Kampf gegen ihr Tier verlieren, und es später noch mehr hassen, vor allem, wenn wieder jemand dadurch verletzt wurde, egal ob Freund oder Feind. An die Schmerzen, die Andy bei einer vollständigen, ungewollten Verwandlung erlitt, mochte Miranda nicht einmal denken.


Nächste Woche hat die liebe Stefanie dann noch eine kleine Überraschung für Euch, ihr dürft gespannt sein ^^

Solltet ihr ebenfalls Lust haben, mit mir gemeinsam einen  Monat im Stil eures Buches zu gestalten, dann meldet Euch einfach. Infos findet ihr hier.

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Kommentare:

  1. Huhu,

    kleine Frage.... Die Schnitte an ihren 5 Handgelenken brannten wie glühende Kohlen. 5 Handgelenke, wie kann das sein?

    Nächte Sache ....Dieser Raum musste schon sehr lange hier stehen. Wie kann ein Raum stehen oder verstehe ich da etwas miss?

    14 vollen Brüsten und ....wirkten 15 dadurch fast weiß. wieder jemanden 17 zu verletzen....18 „Andy,

    Sicherlich haben alle Zahlen eine Bedeutung..hm, nur solche...da werde ich auch durch die Leseprobe nicht sauer.

    Sorry...gibt es dafür eine Liste.

    Sonst gefällt es mir sehr gut...spannend und sehr gefühlvoll alles beschrieben.

    LG..Karin..

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    1. Sorry kleiner Schreibfehler ...schlauer...nicht sauer..grins..

      LG..Karin...

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    2. Hi liebe Karin,
      interessant ... die Zahlen haben hier nämlich nichts verloren *lach

      Danke für den Hinweis, ich werde alle mal rausnehmen´- habe echt keine Ahnung wie sie da hineingekommen sind :S

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  2. Huhu,

    dann habe ich mir ja umsonst hier so meine Gedanken wegen der Zahlen gemacht.....auch nicht schlecht.

    ...hätte ja auch eine Art von Verwandlungscode sein können...
    aber egal ...die Starke zu 6 sein, ist doch drin.


    LG..Karin..

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  3. Huhu, Sabrina

    wie schaut es dann noch mit dem Raum aus?


    Zitat: Dieser Raum musste schon sehr lange hier stehen.

    Das verstehe ich nicht so ganz...ein Raum so ganz alleine, ohne andere Räume oder eingebettet in einem Haus. Wie geht das denn?

    LG..Karin..

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    1. Hi Karin,

      so nun ist auch die letzte Zahl weg - ich habe hier nichts vercodewortet ^^ wäre aber sicherlich mal eine coole Idee.

      Raum: In dem Fall geht es nur um den Raum in dem sie ist - es gab nur eine einzige Tür - wenn du eine genauere Erklärung möchtest kann ich sie gerne der Autorin weiterleiten

      LG

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    2. Hi, Sabrina,

      ja gerne aber nur wenn es sich ergibt...will ja niemanden unnötig nerven...

      LG..Karin..

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